Freitag, 24. Juni 2011

Wo warst du

Wo warst du
als ich um dich weinte
als gelte es eine erinnerung
auszulöschen
damit der morgen
eingang findet
in das gehäuse
eines ichs
das fragen stellt
wie fallen
um sich selbst
zu fassen
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Samstag, 18. Juni 2011

Anna und ich

Ist es denn Annas Schuld dass nichts so ist
wie es sein könnte?
Keine anliegenden Ohren
keine elfenbeinfarbene Haut
nur Mann und Kind
und ein Ballon der platzt
obwohl ihn niemand in die Luft geworfen hat
Als dürfte man nur Menschen lieben
die nach Kleingeld riechen

Mamatschi schenk mir ein Pferdchen
mit dem ich durch die Felder sprengen kann
Alraunen und Akazien
Zartbitterschokolade
für den Schlaf der Vögel
scharf wie gebrochene Versprechen

Die Bettler verkaufen Knoten
auf denen man Akkordeon spielen kann
zum Gelächter im Dorf
weil der silberne Löffel endlich laufen lernt

Wie schön sich Annas feine Stimme
in den Teppich webt
als wäre Schönheit eine Entschuldigung
als gäbe Liebe einem das Recht
auf mehr
auf mehr als schiefertafelig angekreidete Unschuldsbrüche
und Stolz wäre mehr als ein Fleck
auf der Landkarte eines nicht ganz so reinen Gewissens
wie weiße Bettwäsche
mit hässlichen Rändern
und Pantoffeln
die verloren in der Ecke stehen
und vergebens versuchen die Vorwürfe zu überhören

Als ich Anna traf
war ihr die Saumseligkeit längst aus den Augen gefallen
Sie war zwei Männern begegnet
Einer versuchte sich für sie umzubringen
Der andere ihr zu vergeben

Der Zweifel wächst wie ein Holunderbusch
er vertrocknet als Anna zum Bahnhof geht
und jemand sagt
man braucht einen anderen um sich selbst zu erkennen
wer sagt das denn
und was fangen wir an
mit so einem Satz
Anna und ich
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Samstag, 11. Juni 2011

Ich bin Marita

Bei mir ist es anders
Ich trinke nicht um zu vergessen
Ich trinke um mich zu erinnern
Was Zeit bedeutet
Und damit ich mich fürchte
Vor dem Verlust der Angst
Nie ist das Erinnern so klar
Wie in diesen durstigen Momenten
Zwischen den Gläsern
Ich ziehe mich aus
Vor jedem und allen
Ich käme mir anderenfalls so unbekleidet vor
Wie sich der Schaum spiegelt in meinem Blick
Ich lasse mir Geschichten erzählen
Wer sie erzählt ist egal
So lange sie nur unglaubwürdig sind
Gesalzen mit diesem leichten Schwindel
Den man am deutlichsten in den verrauchten Gesichtern erkennt
Ich halte mich an die Angst
Das ist meine Richtschnur
An dieser Linie entlang trinke ich mir zu
Ich bin Marita
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Montag, 23. Mai 2011

Hänschen klein


„Leb wohl“, sagt Hänschen zur Mutter. „Ich suche das Glück. Ich habe geträumt, es gibt Glück und das Glück liegt weit ab von hier. In der Fremde klingen meine Schritte nicht folgenlos und deshalb nehme ich den Hut und lasse Dir die Schwester da.“
Die Mutter lehnt im Türrahmen, Hände in den Taschen und in den Zügen kein bisschen geteilte Zuversicht. Das Leben ist kein Spaziergang. Das Leben ist nicht als Heimkehr gedacht.
Du lässt mir die Schwester und den Hunger, denkt sie, aber dann hebt sie doch die Hand und winkt und vergießt ein paar Tränen über die Sinnlosigkeit des Verlustes.

Der Morgen graut, der Abend naht, so gehen die Tage und die Nächte sind verschwiegen. Was in uns liegt, passt in keinen Traum und in kein Erwachen, also lassen wir es liegen und kümmern uns nicht darum. Der Sohn fort gegangen, unterwegs auf der Suche nach dem Glück, die Tochter zurückgeblieben und von einem Mann war erst gar nicht die Rede.
Die einen machen ihr Glück, während die anderen es nur suchen und die Mutter bleibt zu Hause und lässt die Tage verschwinden. Ab und zu ein Traum wie eine Postkarte. Die Versuche, die nicht aufgeben, wenn wir schon längst unsere Fahnen gestreckt haben.

Sieben Jahre lang in die Luft sehen, trüb und klar und dann eines Morgens den Heimweg antreten. Die Sonne im Rücken, die Schritte seltsam schwer, aber Hänschen ist jetzt Hans geworden und so schreitet er voran, ohne noch einmal einen Blick zurück zu werfen, auf die begangenen sieben Jahre, die hinter ihm liegen, vergangen und vorbei. Vor ihm liegt die Zukunft, vor ihm liegt der Weg nach Hause. Aber kaum hat er den Pfad betreten, endet er auch schon. Der Heimkehrer kann seine eigenen Gedanken nicht verstehen so laut ist das Gerede im Dorf. Seine Schwester ist die erste, die ihn sieht. Sie starrt ihn an und läuft nach Hause zur Mutter. „Mutter, Mutter, da ist ein Fremder ins Dorf gekommen. Braun gebrannt, Stirn und Hand.“ Und die Mutter rührt in der Suppe, hebt den Blick, lächelt ihr müdes Lächeln. „Bleib nur hier. Ich will ihn mir ansehen.“

Und wieder Tränen in den Augen, sobald sie ihn sieht. Sehen und erkennen sind eins und auch die Frage: „Was hast du mitgebracht, Hans, mein Sohn?“ Und der zeigt ihr seine Narbe und sie nickt. Jetzt hat mir das Leben auch noch das Warten genommen, denkt sie und kehrt mit dem Sohn in ihr Haus zurück.
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Sonntag, 8. Mai 2011

Licht

Ich beschäftige mich mit den ausgesparten Sternen
in einem Gedicht von P. P. Pasolini.
Er nennt es Projekt.
Er sorgt dafür, dass nicht zu viel Licht auf seine Wissenschaft vom Licht fällt.

Was wissen wir vom Licht?
Vom scheinbaren Licht,
von den erhellenden Momenten und ihren Schatten?

Licht lese ich, ist der kleine sichtbare Teil der elektromagnetischen Strahlung, die in Wellen von einer Lichtquelle gesendet wird. Licht und Hitze gehören zusammen.

Kein Wort davon, was das Licht bricht.

Als wäre das Licht diese verzweifelte Lebendigkeit von der er spricht.
Die nichts zu tun hat mit den Sternen.
Sterne, die der Volksmund als Himmelskörper bezeichnet.
Das Licht aber ist körperlos.

Was wissen wir vom Licht, solange wir niemals einem Stern
beim Erlöschen zugesehen haben?
Und warum können wir dennoch nicht unterlassen, davon zu reden?
Als wäre das Licht etwas, das Fragen in Gang setzt
und nicht die Aussparung (der Verzicht!) auf jegliche Antwort.
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Freitag, 6. Mai 2011

...

Arbeitsplaetze
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Samstag, 30. April 2011

Ein Mann (5)


Ich kannte einmal einen Mann
Ich traf ihn im Wald
Er hatte immer Hunger

Du hast schöne Augen
Sagte er
Er meinte sein Spiegelbild
Ich gab ihm mein Pausenbrot

Lass uns Blumen pflücken
Sagte er
Und ich fragte
Aber Du bist nicht zufällig der böse Wolf
Er lachte
Das bildest Du Dir doch bloß ein
Sagte er
Das hier ist kein Wald
Das ist der finnische Bahnhof
Siehst Du nicht Lenins Denkmal
Aber ich sah nichts
Nur einen Mann
Der immer Hunger hatte
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Mittwoch, 27. April 2011

Pechmarie


Als ich mich in eine Dichterin verwandelte,
war die Erde eine Scheibe,
die mich von sich abschnitt
(abschied).
Ich hatte eine Schwester.
Sie war in den Brunnen gefallen.
Ich wartete auf die lehrsamen Gesänge des Huhns.
Die Welt betrachtete mich nicht länger.
Ich schrieb an meinem Abgesang.
Ich würde ihr nicht nacheifern,
nur berichten, wie alles begann.
Die Wolken in Luft auflösen
und etwas anderes an ihrer Stelle sehen.
Etwas, bei dem ich blieb,
nicht um auszuharren,
sondern um hinauszutreten
um hinauszugehen über das
was geschrieben steht.

Als ich mich in eine Dichterin verwandelte,
ließ ein Eimer Gold sich auf meiner Schwester nieder.
Kein Hahn krähte
und für mich lag von nun an
das Licht im Dunkeln.
Sie dichteten mir Namen an,
wer ich wirklich war,
sahen sie nie.
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