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es war einmal

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Hänsel und Gretel

Ich weiß nicht, wer ich bin.
Es war dunkel
Es war finster
Und ach so bitterkalt
Sie schickten uns zum zweiten Mal
Hinaus in den Wald
Ich ging mit Hänsel
Vater hatte Tränen in den Augen
Mutter trug ihr spitzes Gesicht
Dann waren wir allein
Hänsel sprach von Mut
Von Vergebung und Brotkrumen
Auf dem Weg
Dann schlief ich ein
Als ich erwachte
Lachten die blauen Hexen
Die Brotkrumen waren zu den Vögeln geflogen
Den Rest hatten die Bettler aufgekehrt
Hänsel hatte mir einen Zettel da gelassen
Machs gut stand darauf
Darunter klebte ein Spiegel
Dann wurde es dunkel

Ich weiß nicht, wer ich bin
Sagte Hänsel
Ich hatte eine Schwester
Ich hatte sie lieb
Sie hing genauso am Leben wie ich
Ich wusste sie würde versagen
Sie aß die Buchstaben
Ohne jemals über die Zwischenräume nachzudenken
Ich ließ ihr einen Zettel da
Als ich ging
Darauf malte ich mich

Freitag, 18. September 2009

Schneewittchen

Schneewittchens Geschichte verlief hinter den Spiegeln
Dort gebar der Frosch einen Prinzen
Und begrub seine Kraft
Das heißt die Magie der Verwandlung

Das Blut und die Tränen
Die gefalteten Hände
Eine Spur aus unbeugsamen Brotkrumen
Die sehr beharrlich zwischen dem es war einmal
Und dem vorläufigen Ende lag

Diesem Ende im durchsichtigen Sarg
In dem nicht nur die Zwerge
Die Einbildungen der Vergangenheit erkannten

Freitag, 11. September 2009

Hänsel und Gretel

Die belauschten Gespräche
Verbargen sich in diesem Wald
Von dem die Hungrigen träumen
Wie von einem Gelübde
Das einem das Glück bis zum Hals stehen lässt
Doch sobald man schluckt
Verschwindet das Erwachen
Und mit ihm der Durst
Die Wege als verzweifelte Einsichten
Geschmückt mit rücksichtsloser Zuversicht
Das fressen nicht einmal die Vögel
Das wirkt stärker als Rattengift

Vor unserem Haus stand eine Laterne
Hat Gretel später immer wieder erzählt
Da trafen sich die Landstreicher
Und Hänsel und ich
Sollten sie bestehlen
Wir hatten keine Ahnung
Was das Wort Schattenriss bedeutet
Oder wie man den Hunger von vier Menschen beschreibt

Der Weg ausgelegt mit verdursteter Hoffnung
Ein Becher der sich niemals füllt
Verirrt in dieses Leben
In seiner unheimlichen Gestalt
Und der Baum wird zur Hexe
Und nicht einmal der Wald schweigt
Mit der Bereitschaft verlorener Posten
Die die Bekömmlichkeit der Heimatlosigkeit verlassen

Zu Hause sitzt einer den der Hunger nie verlässt
Er sieht aus dem Fenster
Auf den Baum
In dessen Geäst sich die Gerüchte festgesetzt haben
Um im Sommer zu blühen
Im Herbst zu fallen
Und im Winter zu vergessen
Dass es sie gibt

Da schickt einer Krümel in die Welt
Denkt er als es an die Tür klopft
Und zurück kehrt die Zukunft
Die den Verlust der Vergangenheit verspricht

Montag, 7. September 2009

Die Mutter der sieben Geißlein

Mag sein dass ich damals mehrmals täglich
Meine Kinder zählte
Ich war verwirrt und ständig in Sorge
Eines von ihnen in der Standuhr zu vergessen
Ich hatte Kreide gekauft
Damit wir die Stimme des Wolfes erkennen
Rotkäppchen war zur Großmutter gerannt
Erst wenn es dunkel wurde
Öffneten wir die Fensterläden
Und wagten uns hinaus in den Wald
Wir befürchteten unseren Träumen zu begegnen
Und dass sie uns unregelmäßig wecken würden
Das war der Grund warum ich ständig in der Standuhr nachsah
Die Zeit spielte nur so lange eine Rolle
Bis Rotkäppchen der Großmutter den Korb entreißen würde
Wir zählten die Sterne
Waren es mehr als sieben
Gingen wir zurück in unser Haus
Um die Mittagszeit rüttelte der Wolf an unserer Tür
Meine Kinder glaubten ihm seine Beteuerungen
Rotkäppchen zu sein
Ich wollte sie warnen
Aber sie hielten meine Angst für den Traum einer Erwachenden
Schließlich öffnete ich die Tür
Und lobte den Wolf für sein hübsches Käppchen
Die Kinder verhielten sich ruhig
Der Wind rüttelte an Frau Holles Tor
Ich sprach mit dem Wolf über die Großmutter
Vor dem Fenster ging Rotkäppchen vorbei
Der Wolf war mittlerweile sicher Rotkäppchen zu sein
Und stürzte hinaus
Jemanden der ihn imitierte
Konnte er nicht ungeschoren davonkommen lassen
Ich zählte meine Kinder
Es waren sieben
Dann trat ich aus der Standuhr heraus

Mittwoch, 2. September 2009

Sterntaler

Ein Mädchen im frostweißen Hemd
Verwirrt von der Suche nach Straßen
Am dunkelsten leuchtet die Nacht im Wald
Dachte sie
Der Wald, dieser ängstliche Geselle
Trägt seit Jahren schon diesen Schal
Ernährt sich von Fliegenpilzen
Und saumseligen Kindern
Die sich vermittels der Märchen
In seinem Gehölz verirren
(da bläst der Jäger in sein Horn
da ruckelt der Wind am Häuschen
da wächst die Marmelade im Gewehrlauf des Jägers)

Ich bin Sterntaler
Am Weihnachtsabend verkaufe ich Streichhölzer
Da haben die Sterne
Wichtigeres zu tun
Als mir ins Hemd zu fallen
Ich verschenke ständig meine Kleider
Und vergesse gleich darauf an wen
Ich kann mich so schlecht konzentrieren
Meine Nerven sind schwach
Meine Hände halten dem Meteoriteneinschlag stand
Da fallen Worte in das neu gewachsene Hemd
Die in der Nacht leuchten
Doch bei Tageslicht verbrennen sie
Eine Zeitlang habe ich Gedichte geschrieben
Ich verkleidete mich als Mann
Und lag Spitzweg Modell
Damals war ich genau so hungrig nach einem Namen
Wie heute

Mittwoch, 10. Juni 2009

Warum Rotkäppchen niemals die Mütze vom Kopf nimmt

Im Morgen das Fallen
Die Gewinnsucht des Aufgehobenen
Verborgen unter der Daseinsberechtigung eines Versehens
Der Zorn rauscht sanftmütig
Über die zerwühlten Betten
Die Makel leuchten den Zügen den Weg
Schneewittchen schließt die Augen
Als könnte sie damit die Zeit aufhalten
Die sieben Berge, den tiefen Schnee
Auf den das Blut fiel
Und ein hochmütiger Gedanke
Der Jäger hatte nicht mit ihr gehen wollen
Er hatte den Kopf geschüttelt
Und ihr die sieben Berge gezeigt
Als seien es sieben verheißungsvolle Jahre
In denen außer Porzellan nichts zerbricht
Ich wünschte ich hätte sieben Brüder
Und einen Prinzen der sie verspeist
Das sind ihre mühseligen Gedanken
Der Zustand in dem sie sich befindet
Als sie Rotkäppchen trifft

Rotkäppchen, Rotkäppchen
Warum hast du so eine rote Mütze?
Rot wie Blut
Rot wie Erdbeerpudding
Rot wie die Rücklichter des Autos
Das deine Großmutter überfahren hat

Weil unter der Mütze mein Geheimnis liegt
Und wir zu Staub zerfallen
Wenn unser Geheimnis verdirbt
Du bist so dumm, Schneewittchen,
aber ich lass dir einen Apfel da
den kannst du mit der Schlange teilen
oder an die sieben Zwerge ausgeben

Ich würde mich gern um deinen Hals legen
Sagt die Schlange
Schneewittchen zerkaut ihren Apfel
Ist das der Preis der Freiheit
Fragt sie
Und die Schlange reicht ihr den Spiegel
Weißt du jetzt worum es geht sagt sie
Und legt dabei ein Lächeln in ihre Stimme
das es in Märchen nicht gibt

Mittwoch, 26. November 2008

Es war einmal

Eine blühende Schönheit
Eine alte Hexe
So genau lässt sich das nicht sagen
Ihr Spiegel log sie an
Sooft sie sich begegneten
Sie betrat jeden Raum
Nichts blieb ihr verborgen
Die Blicke in den Schuhschachteln nicht
Und auch nicht die bitteren Worte
Die verzweifelt einen Ausweg suchten
Sie schüttelte die Blicke ab
Die auf ihr hafteten
Sie schüttelte sie ab
Wie lästige Verfolger
Und dann abends
Wenn sie allein war
Mit ihrem Spiegel
Mit ihrem Blick aus dem Fenster
Hinter dem nichts lag
Nicht einmal eine sternklare Nacht
Oder erfrorene Felder
Dachte sie
Vielleicht hätte ich sie aufheben sollen
Vielleicht hätte ich mir die fremden Blicke
Anstecken sollen
Wie eine Brosche
Sie aufsetzen
Wie eine Brille
Oder sie den Jahren
Zum Fraß vorwerfen
Die an mir nagen
Die mich verzehren
Die den Spiegel nur noch sagen lassen
Es war einmal

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Dornröschen

Nach dem Kuß
wuchsen Rosen aus meinem Mund
aber fürchtet euch nicht
ich mag den Schmerz

Ich bin wie viele
die irgendwann aufwachen
aus einem Traum
aus dem sie gefallen sind
wie aus einer Rolle

Als ich die Augen öffnete
waren die Hecken noch da
die Wunde am Finger war längst geheilt
Ich war kaum einen Tag älter geworden
redete ich mir ein
Schließlich hatte mich ein Prinz geküßt
dass er gleich darauf verschwunden war
gab mir erst später zu denken

Es hagelte Gerüchte
während die Knospen trieben
die Knospen der englischen Rosen
mein Vater hatte eine Schwäche dafür
so wie meine Mutter eine Abneigung
gegen die Zahl Dreizehn hatte

Der Prinz der mich wachgeküßt hatte
trug ein Kettenhemd und Eisenhandschuhe
(ein ewig Gestriger)
als ich die Augen aufschlug
war er längst verschwunden
ich sah nur noch den Staub
den sein Pferd aufgewirbelt hatte

Aber an seine Lippen konnte ich mich erinnern
wie sie weich und warm auf meinen lagen
die immer roter wurden
die glühten

Ich wollte mir Zeit lassen
bis ich die Augen öffnete
Ich dachte es sei klüger
es ruhig angehen zu lassen
mein Kreislauf war schwach
vom langen Liegen

Aber das war ein Fehler
sich Zeit zu lassen war ein Fehler
Als ich die Augen öffnete
sah ich nur noch den Staub

Als der Staub sich gelegt hatte
ging ich zum Grab meiner Eltern
Hundert Jahre überlebt man nicht einfach so
und ich war schließlich keine fünfzehn mehr

Im Grunde erinnerte ich mich kaum an sie
aber in die Grabsteine waren Gesichter gemeißelt
in denen ich mich betrachten konnte
wie in einem Spiegel

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