Literaturtage 2010

Dienstag, 26. Oktober 2010

Lesung von Hans Joachim Schädlich am 26. Oktober


Herr Schädlich wird keine Blumen bekommen. Das sehe ich sofort. Ich frage mich noch eine Weile warum, um nicht bei der Frage stehen zu bleiben, was Reisen mit Stille zu tun hat und ob Kokoschkins Reise eine stille Reise gewesen ist.

Nach den üblichen Einführungsreden, die wenig über den Autor und viel über den Redner aussagen, beginnt Herr Schädlich zu lesen.
Die Lächerlichkeit und Begrenztheit der Tischgesellschaft gewinnt durch seine Lesung an Schärfe und Komik. Die andere, parallel dazu laufende Geschichte mit Kokoschkins Erinnerungen erscheint mir beim Zuhören noch nüchterner. Es ist eine detaillierte Erinnerung, die jeden Wortwechsel genau wiedergibt, die sich der Vorstellung hingibt, die Erinnerung wäre ein rein sprachliches, rein intellektuelles Konstrukt, ohne Körper, ohne Gesicht und darum vielleicht eine Möglichkeit den Gefühlen zu entkommen.

Im Gespräch wird Herr Schädlich gefragt, wie er zu seinem Helden Kokoschkin gekommen sei. Das Interesse für das Jahr 1917 in Russland, antwortet er, hatte er bereits während seiner Studienzeit. Damals in der DDR wurde diese Zeit die „große sozialistische Oktoberrevolution“ genannt, sagt Schädlich. Er selbst nennt sie kurz und bündig den „bolschewistischen Oktoberputsch“. Er verknüpft, und habe das immer schon getan, historisch verbürgte mit fiktiven Personen. So seien Bunins Sätze in Kokoschkins Reise nahezu wortwörtlich aus Bunins Tagebuch „Verfluchte Tage“ übernommen. Schädlich sagt, er wolle die Erfindung glaubhafter machen durch die historischen Personen.
Ganz ruhig und ohne Eile lässt er sich von Erzählung zu Erzählung treiben, an diesem Abend im Gespräch, wie auch in seinem Roman, in dem er Kokoschkin der Geschichte nachreisen lässt, wobei das Fiktionale vom Historischen geleitet wird.
Hans Joachim Schädlich ist ein Mann, dem man gerne zuhört, weil er sich beschränkt, nicht weil er verwirrt (wie der Moderator nicht zu behaupten müde wird). Verwirrend ist das Leben, nicht das Erzählen, das versucht dieses Leben abzubilden.
Lakonisch werde sein Stil genannt, aber diese Einschätzung teile er nicht, sagt Schädlich. Er lasse dem Leser bewusst Platz. „Der ständige Versuch redundantes zu reduzieren“, sagt er, das klinge doch gut, oder? Und dazu falle ihm auch noch eine kleine Geschichte ein. Es geht um einen Pfandleiher, der auf die Rückzahlung eines lange überfälligen Schuldners wartet. Da der Schuldner sich weder meldet noch zahlt, beschließt der Pfandleiher ein Telegramm aufzugeben. Die erste Textfassung lautet: Nun, wann zahlst du zurück? Allerdings erscheint ihm diese Fassung zu lang und zu teuer und er reduziert den Text auf: Wann zahlst du zurück? Ach nein, denkt er, das ist zu lang, er weiß ja ohnehin worum es geht und so kürzt er weiter: wann zahlst du? Nun wann? Und schließlich schickt er dem Schuldner ein Telegramm in dem ein einziges Wort steht: Nun
Woraufhin der Schuldner antwortet: Nun nun.
Und glauben Sie mir, wenn Hans Joachim Schädlich diesen Witz erzählt, ist er nicht nur klug sondern auch komisch. Schädlich hat sehr viel zurückhaltenden Humor. Humor, der unaufdringlich und leise da ist, nicht als Gebell, als Geste, vielmehr als Haltung eines aufrechten Menschen.
Aber kommen wir noch einmal zurück auf seinen Grundsatz der Reduktion des Redundanten. Denn abschließend liest er die Passage aus Kokoschkins Reise in dem er diesen Grundsatz meisterhaft vorführt. Kokoschkin, der auf der Kreuzfahrt einer Frau Mitte Vierzig den Hof macht, bringt ihr an Deck einen frischen Orangensaft, woraufhin sie sich bei ihm mit den Worten bedankt: „Sie sorgen für mich wie ein Vater und eine Mutter.“ Schade, denkt Kokoschkin.
Nur dieses Wort. Der Leser weiß ohnehin, worum es geht.
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Dienstag, 19. Oktober 2010

Harriet Köhler

Es sind viel weniger Stühle aufgestellt, als bei Alissa Walser, aber immerhin werden vor der Tür keine Flugblätter gegen sie verteilt.
Ich habe Ostersonntag gelesen, „Und dann dieses Stille“, das Buch, das sie heute vorstellen wird, nicht.
Als ich damals Ostersonntag gelesen habe, bin ich neugierig gewesen, wohlwollend, dann nur noch enttäuscht. Ein intelligentes Buch, habe ich gedacht, klug konstruiert, geschickt gebaut. Jeder Satz wohl überlegt, aber kein Funke, der überspringt. Eine Aussage, aber kein Gefühl.
Später, nach der Lesung, wird Frau Köhler Blumen bekommen, der Strauß steht schon wartend in der Ecke. Ein kleiner Strauß mit gelben Blüten. Dass sie ihn verdient haben wird, weil sie sehr gut gelesen hat, weil man gemerkt hat, dass sie sich mit dem Geschriebenen verbunden hat, weiß ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.
Vor mir sitzen zwei dunkelhaarige Frauen, Mutter und Tochter. Ich bewundere die silbernen Fäden im Haar der Mutter. Da ist so ein Glitzern und Funkeln. Ein Glanz, der gar nicht in dieses Haar zu gehören scheint, auf diesen Kopf. Verloren, verirrt und vielleicht ist es gerade das, was diese irrlichternde Strähne so schön macht.

Dann kommt Harriet Köhler, sie ist blass und jung und aufgeregt. Ihre Hände zittern ein bisschen, als sie sich Wasser in ihr Glas schüttet. Sie erzählt kurz, dass es sich bei ihrem Roman um die Geschichte von drei Männern handelt, Walter, Jürgen und Nicki und dann beginnt sie zu lesen. Und ich bin erleichtert, denn diesmal klingt alles viel zärtlicher, sinnlicher. Was aber auch daran liegen kann, dass sie es vorliest, denn sie liest sehr gut.
Da sind Stellen, die mich durchaus berühren. Stellen, an denen man sonst wegsieht, über die man nicht schnell genug hinweggehen kann im Alltag, Fragen wie die, wie es ist, wenn die Eltern krank werden, wenn sie sterben. Wenn das, woher man selbst kommt, verschwindet.
Später, im Gespräch, erzählt sie von einem handlungsleitenden Interesse. Sie habe herausfinden wollen, wie lange der Krieg nachwirkt, wie sich das Trauma fortpflanzt von Generation zu Generation. Die drei Männer von denen ihr Roman handelt, seien eine Versuchsanordnung gewesen, um herauszubekommen, welche Rolle das Schweigen spielt.
Ich werde das Buch nicht lesen, aber der Abend war schön.
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Mittwoch, 6. Oktober 2010

Lesung von Alissa Walser am 05. 10. 2010

Es beginnt merkwürdig. Vor dem Eingang stehen zwei Menschen, die Flugblätter verteilen, deren Inhalt sie nicht zu kennen scheinen.
Innerhalb geht es merkwürdig weiter. Alissa Walser liest einen Text zu ihrem Roman. Darin steht etwas, wie und warum der Roman entstanden ist, etwas vom rückwärts und vorwärts denken, von Zettelkästen für Gedankenblitze, von Musik, dem wandernden Klavier ihrer Kindheit und natürlich von Mesmer.
Das Stumme, sagt sie, sei Thema ihres Buches.
Ich frage mich, ob das Stumme so viele Worte verträgt.

Dann beginnt sie zu lesen, das erste Kapitel, ein Wintermorgen mit Hund. Die Finger auf den Zeilen, spricht sie von Magneten, vom Kranken der Kranke heilt, wie alles miteinander zusammenhängt, ohne deswegen verständlich zu sein.
Eine laute Geschichte vom Stummen. Eine Geschichte, in der man vor allem den Willen hört. Etwas, das von außen auf die Geschichte zugekommen ist, nichts was sie von selbst (magnetisch) angezogen hätte.
„Jede ihrer Bewegungen wie von außen bewirkt“, schreibt sie über ihre Heldin Paradis und meint damit vielleicht auch ihr Buch. Weil Sprache immer klüger ist, als der der sie schreibt.
Das Kostüm, der seit Jahrhunderten vergangen Sprache (Alissa Walser liest aus ihrem Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“, der im 18. Jahrhundert spielt und die Geschichte vom „Wunderheiler“ Mesmer und seiner musikalisch hochbegabten Patientin Paradis erzählt), steht dem Buch gut. Dieses antike Kostüm webt ihm ein Kleid, aber es hüllt es nicht ein.
Als Paradis endlich eine eigene Stimme bekommt und zu Mesmer über die Musik spricht, ist auch Frau Walser bei sich, bei ihrem Buch. Aber da ist es schon fast zu spät, zu sehr habe ich mich über die Ambitioniertheit dieses Romans und über die unambitionierte Art ihn vorzulesen geärgert. Kurz denke ich noch: Nein, so möchte ich nicht beurteilt, beschrieben, betrachtet werden, wie ich es jetzt gerade mit Alissa Walser tue, doch dann wird mir klar: doch genau so möchte ich es. Unverblümt und verständnislos. Ganz direkt. Wie die Musik, zu der man zu tanzen beginnt, oder geht, oder – im schlechtesten Fall – bleibt und sich langweilt.
Am Wochenende startete Iris Radisch in der Zeit eine Bestandsaufnahme zur Lage der Literatur. Auch bei ihr ging es um Töne. Um „die weltaufschließende Kraft des Stils“. An die glaubt auch Frau Walser. Nur der Glaube allein mag vielleicht in der Lage sein, Berge zu versetzen, ein gutes Buch entsteht durch ihn allein nicht.
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