Mittwoch, 4. November 2009

Fußnoten und Randbemerkungen

Das Gurgeln der Kaffeemaschine. Das Fehlen der Zuversicht. Wo ist die hin?
Dabei Erfolg. Vielleicht ist es das. Und die Konzentration. Nicht auf die Träume, nicht auf das Leben. Auf den Erfolg.
Einfach schreiben. Auch das, was gar nicht da ist. Der Tag mit den Kindern im Wald. Und ich, die nicht dabei war, nur der Stift, das Buch, der Wille zum Erfolg. Zahnarzttermine und die Frage, wie man jemandem die Farbe blau beschreibt, der nur noch gelb sieht.
Die Botschaft. Das Kreuz. Vater, Vater, warum hast du mich verlassen? Und selbst nicht loslassen können. Nicht die Wörter. Nicht den Sinn.
Die Müllabfuhr kommt erst in sechs Tagen. Zeit genug, eine Welt zu schaffen und danach zu ruhen.

Dienstag, 27. Oktober 2009

Worum es geht

Es geht um den Moment
In dem jemand den Schirm schließt
Weil ein anderer den Regen auffängt
Es geht um Gott
Wie er in seiner Dachkammer sitzt
Und seine Strümpfe stopft
Weil er sich nicht von ihnen trennen kann

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Lots Frau

Hast du es nicht gehört?
Man kann auch in Rosen ertrinken

Es war eine Frau
Die liebte ihren Mann
Sie liebte ihre Töchter
Ihr Haus
Sie mochte es Gäste zu haben
Sie hatte einen Namen
Doch den erwähnte man nie
Die Menschen sagten
Lots Frau wenn sie an sie dachten
Und bevor es passierte
Geschah das fast nie
Lot war ein denkwürdiger Zwerg
Der die Gastfreundschaft schätzte
Und die Unversehrtheit der Gäste
Über die seiner Töchter stellte
Lots Frau goss die Blumen und schwieg
Sie hatte ihren Namen vergraben
In einem Gebet
Ein Gebet zu dem sie sich später
Umdrehen würde
Das war der Moment
Als alles erstarrte
Und das Gerede begann

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Hänsel und Gretel

Ich weiß nicht, wer ich bin.
Es war dunkel
Es war finster
Und ach so bitterkalt
Sie schickten uns zum zweiten Mal
Hinaus in den Wald
Ich ging mit Hänsel
Vater hatte Tränen in den Augen
Mutter trug ihr spitzes Gesicht
Dann waren wir allein
Hänsel sprach von Mut
Von Vergebung und Brotkrumen
Auf dem Weg
Dann schlief ich ein
Als ich erwachte
Lachten die blauen Hexen
Die Brotkrumen waren zu den Vögeln geflogen
Den Rest hatten die Bettler aufgekehrt
Hänsel hatte mir einen Zettel da gelassen
Machs gut stand darauf
Darunter klebte ein Spiegel
Dann wurde es dunkel

Ich weiß nicht, wer ich bin
Sagte Hänsel
Ich hatte eine Schwester
Ich hatte sie lieb
Sie hing genauso am Leben wie ich
Ich wusste sie würde versagen
Sie aß die Buchstaben
Ohne jemals über die Zwischenräume nachzudenken
Ich ließ ihr einen Zettel da
Als ich ging
Darauf malte ich mich

Montag, 12. Oktober 2009

Anne Sexton geht

Sie hat ihren Tisch da gelassen
Die Gedichte
Eine gewisse Unmöglichkeit fortzufahren
Ich fand Verweise auf unmögliche Taten
Den eingeborenen Tod
Ich fand diese Dinge nicht im Spiegel
Oder in ihren Gedichten
Ich fand sie in mir
Zusammen mit der Fähigkeit
Das Wissen zu begraben
In einer Schüssel voll Wolken
In einem blühenden Schnitt

Man braucht diese Art von Standhaftigkeit
Eine solide Verankerung in der Welt
Um die Einsamkeit zu überschatten
In der Frauen wie wir uns sonnen
Du musst es beschreiben sagt sie
Beobachten und beschreiben
Nicht versuchen es zu verstehen
Auf diese Art
Birgt es den Kummer einer Möglichkeit
(die Entfernung vom Kern)


(kursiv gesetzte Ausdrücke sind Zitate von Anne Sexton)

Sonntag, 11. Oktober 2009

Das Heute

„ich sage, das Heute
glaubt an sich, sonst wäre es zu Boden gefallen.“ (Anne Sexton)

Und du siehst mich an
(ohne mich zu erkennen)
du sagst
aber es fällt doch
siehst du nicht, wie es fällt
es fällt in den Himmel
in alle Wolken
und nur du fängst es auf
mit Papier
mit den Fingern
den langen weißen
die nichts festhalten können
am wenigsten
diesen Tag

Samstag, 10. Oktober 2009

Mondlos

Ich liebe diese aussichtslosen Nächte
Die alles verschweigen
Nichts offenbaren
Und wir selbst
In den Flügelschlag eines Traums verbannt
Diese Art von Erwachen
Plötzlich hat der Laib Brot
Sechs Ecken
Und das Messer bewegt
Sich mit der Anmut einer Schlange
In deiner Hand
Zum Tanz der Gedanken
Die niemals bei dir sind
Niemals ankommen
Aus Angst alles zu versäumen
Zu erstarren beim Blick zurück
Die Entrücktheit einer Vorstellung
Die nur aus sich selbst besteht
Aus den unendlichen Räumen der Sehnsucht
Und dem Schmerz
Wenn die Grenze dich trifft
Ohne etwas zu berühren

Freitag, 9. Oktober 2009

Das Hündchen lebt

Ich weiß noch wie die Seidenstrümpfe meiner Mutter rochen
Wie sie auf dem beige braun gemusterten Sofa lag
Ich weiß noch, dass es Grünkohl gab
Und Gespräche die anfingen in eine andere Richtung zu laufen
Zwei Teller voll
Ich weiß noch wie ich das Geräusch hörte
Ich dachte an rote Astern auf Servietten
An Schaulustige und Überlegenheit
Bestimmt nicht an mich
Noch weniger an sie
Ich hatte keine Zeit mir Gedanken zu machen
Sorgen, Blicke auf die Uhr,
das Geschirr abzuräumen, unruhig
zu werden, endlich aus dem Fenster zu sehen.
Es klingelte an der Tür.
Ich erinnere mich nicht an das Geräusch,
das die Klingel machte,
aber an den Geruch der Frau,
die vor der Tür stand.
Nicht an ihre Worte,
oder den Ausdruck in ihrem Gesicht
das müsste ich erfinden.
(Nach so vielen Jahren könnte ich es erfinden)
Woran ich mich erinnere,
Ist das was ich verstand.
Eine Frau und ein Hündchen,
Draußen auf der Straße.
Das Hündchen lebt.

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