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Dienstag, 24. November 2009

Ins Wort (Ilse Aichinger)

"Als ich zur See fuhr, bekam ich viele Ratschläge. Einer von ihnen hieß, die stetigste Art zu fischen sei die Sintflut und ihr Ende. Dann läge alles klar da. Und je schneller man diesen Vorgang wiederhole, desto reicher sei der Fischzug. Wenn ich etwas lese, denke ich auch sonst oft, hier ist Sprache oder hier ist keine. Daraufhin befragt, was das heißen solle, wurde mir klar, daß es hieß, das hat Schweigen in sich und das nicht.
Derjenige, der schreibt, ist derjenige, der Ratschläge gibt, die nicht zur Vernichtung, sondern zur Erweckung führen. Alle Mitteilungen sind heute gefährdet. Aber derjenige, der schreibt, ob beredt oder unberedt, setzt Schweigen dagegen. Das bedeutet für mich immer wieder: Das Ergebnis des genauesten, stillsten Hinhörens, das Ergebnis des Schreibens, das Schreiben selbst."

Freitag, 20. November 2009

Gleb

Ich bin Gleb
Ich liebe das Leben
Ich habe keine besondere Begabung dafür
Einmal las ich in einem Buch
Man könne sich entscheiden
Schriftsteller zu werden
Alles war anders in diesem Buch
Es gab dort Kisten und Mütter und Träume
Ich bin Gleb
Ich kann nicht lesen
Ich träume die Bücher
Und schreibe es auf

Dienstag, 17. November 2009

Anna Karenina

Nichts ist so schwer
Wie einen leeren Kopf zu täuschen
Der diese Art von Bildern sieht
Hinter den schneebehangenen Sträuchern
Verborgen den Blicken der Menschen
Die sie retten wollen
Weil sie so gern in glänzende
Spiegel sehen
Hineingeboren in diese Trauer
In die himmelhochjauchzende Trübseeligkeit
Längst vergangener Tage und Leben
Keine Schienen
Keine Strecken
Punkte die sich nicht verbinden lassen
Sie sitzt in der Kutsche
und wünscht
Sie käme niemals an

Dienstag, 10. November 2009

Lots Frau II

So spät im Herbst
Der den Winter einübt
Kaum Sonnenschein auf den bunten Blättern
Dafür Frost

Lots Frau ist ein Mahnmal
Eine Schleppe der Zeit
Nicht einmal sie selbst war sich sicher
Wie er gemeint war
Dieser Blick
Zurück
Dieser Zug um die Lippen
Ob er anders gewesen wäre
Hätte sie sich rechtzeitig bewusst gemacht
Dass es der letzte ist
Hätte sie die Schritte anders gesetzt
Einmal eine ehrliche Frage gestellt
Wer bist du Lot
Und warum bin ausgerechnet ich deine Frau
Gehst weiter und drehst dich nicht um
Rücksicht war nie deine Stärke

Montag, 9. November 2009

Aschenputtel

Am neunten November wurde Aschenputtel geboren
Farben machten sie glücklich
Doch sie liebte das Grau
Die Vermischung der Töne
In einem schweigsamen Traum
Die Ruhe einer tiefempfundenen Belanglosigkeit
Die Bäume die den Himmel ausfragen
Es regnete
Jedes Mal wenn Aschenputtel geboren wurde
Regnete es
Die Luft bestand aus grauen Klängen
Sirenen die den Traum vergraben
In der Nacht
Das graue Kleid
Und diese Freude in ihrem Blick
Der die Blätter ins Trudeln bringt
Du kennst sie doch auch
Die Zutaten einer Geschichte
Dieser Geschichte
Schwarz auf weiß
Aber erst wenn du die Buchstaben mischt
Erscheint ihre Lieblingsfarbe
Der Ton aus dem sie gemacht ist

Es war einmal ein mausgrauer Tag
Wie gemacht zum Sterben
Ohne etwas zu hinterlassen
Außer einem frommen Gebet
Und einer mausgrauen Tochter
Die noch Wünsche hat
Aber keine Stimme sie auszusprechen
Sie wählt die Bescheidenheit die Natur
Den Platz neben dem Ofen
Sie ist nicht besonders kämpferisch
(Ihren Zorn in der Asche vergraben)
Aber sie sieht die Farben im Grau
Diese Möglichkeit an das Wunder zu glauben
Und trotzdem dieser Hunger in den Augen
(nicht satt zu sehen)
Die Kleider wachsen vom Baum
Schön wie eine Rose
Stolz wie der Prinz
Mit den gestiefelten Füßen
Die Beunruhigung eines Tanzes
Der sich auf unsicheren Füßen
In die falsche Richtung bewegt
So ungenau präzise
Auf diese Art von Happy End zulaufend
Ohne Einschnitte
(nur fremde Verstümmelungen)
Gar nicht so viel Zeit bis sie Postkarten schreiben wird
An die Sehnsucht nach ihrem aschgrauen Leben
Sie sitzt am Tisch mit ihrem Prinzen
Das Trockenobst und die kalte Suppe zwischen ihnen
(keine Spur von heiligen Orangen)
Am neunten November hat Aschenputtel Geburtstag
Und fragt sich was da wohl geboren wird

Mittwoch, 4. November 2009

Fußnoten und Randbemerkungen

Das Gurgeln der Kaffeemaschine. Das Fehlen der Zuversicht. Wo ist die hin?
Dabei Erfolg. Vielleicht ist es das. Und die Konzentration. Nicht auf die Träume, nicht auf das Leben. Auf den Erfolg.
Einfach schreiben. Auch das, was gar nicht da ist. Der Tag mit den Kindern im Wald. Und ich, die nicht dabei war, nur der Stift, das Buch, der Wille zum Erfolg. Zahnarzttermine und die Frage, wie man jemandem die Farbe blau beschreibt, der nur noch gelb sieht.
Die Botschaft. Das Kreuz. Vater, Vater, warum hast du mich verlassen? Und selbst nicht loslassen können. Nicht die Wörter. Nicht den Sinn.
Die Müllabfuhr kommt erst in sechs Tagen. Zeit genug, eine Welt zu schaffen und danach zu ruhen.

Dienstag, 27. Oktober 2009

Worum es geht

Es geht um den Moment
In dem jemand den Schirm schließt
Weil ein anderer den Regen auffängt
Es geht um Gott
Wie er in seiner Dachkammer sitzt
Und seine Strümpfe stopft
Weil er sich nicht von ihnen trennen kann

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Lots Frau

Hast du es nicht gehört?
Man kann auch in Rosen ertrinken

Es war eine Frau
Die liebte ihren Mann
Sie liebte ihre Töchter
Ihr Haus
Sie mochte es Gäste zu haben
Sie hatte einen Namen
Doch den erwähnte man nie
Die Menschen sagten
Lots Frau wenn sie an sie dachten
Und bevor es passierte
Geschah das fast nie
Lot war ein denkwürdiger Zwerg
Der die Gastfreundschaft schätzte
Und die Unversehrtheit der Gäste
Über die seiner Töchter stellte
Lots Frau goss die Blumen und schwieg
Sie hatte ihren Namen vergraben
In einem Gebet
Ein Gebet zu dem sie sich später
Umdrehen würde
Das war der Moment
Als alles erstarrte
Und das Gerede begann

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