[>>]

die kleine Frau

Sonntag, 5. Juli 2009

Die Kleine Frau erwacht

Die kleine Frau zieht die Schuhe aus
Und nimmt ein Buch von Marina Zwetajewa in die Hand
Was andere Zu Hause nennen
Denkt sie
Habe ich nicht einmal verloren
Wie glücklich müssen die sein
Die die Fassung verlieren
Gegenüber denjenigen
Die niemals irgendwo ankommen
Schon gar nicht bei sich selbst
Das ist ein unwirtlicher Ort
Den bewohnen die Gespenster einer vorlauten Nacht
Und nur wer die Stille aushält
erwacht

Mittwoch, 24. Juni 2009

Nachtsicht

Die kleine Frau trägt schwarz, damit sich das Kind neben sie setzt. Dem Kind rieselt der Sand aus den Haaren. Der kleinen Frau läuft die Zeit aus. Sie setzt auf das Schiff, das nur ein Boot ist, aber das Kind hat es angemalt.
Sie werfen Schatten, alle beide. Die Frau und das Kind. Und weil die Schatten so gesprächig sind, ist es ihnen erlaubt zu schweigen. Sie streifen einander mit einem Blick und fallen zurück ins Vergessen. Dieser Punkt dem die Zukunft nichts zutraut. Und gerade deswegen so vertraulich danach sucht. Schwarz ist so eine schwere Farbe, sagt das Kind und die kleine Frau nickt und lässt den Sand durch ihre Finger gleiten. Die Farben, denkt die kleine Frau, wo sind die Farben hin? Die Haut des Kindes ist weiß, weiß ist der Sand, sind die Wolken am Himmel. Vier Farben weiß, und dass es noch andere Farben gegeben hat, denkt die Frau, aber die hat sie vergessen. Das Weiß des Schnees und wie er langsam immer dunkler wird, bevor er verglüht, unsichtbar, durchsichtig. Die Haut unter dem schweren schwarzen Stoff, die Milch, auch die Milch war weiß, die Zähne, die Brüste, der Leib.
Die Haare, auch meine Haare sind weiß, denkt die kleine Frau. Das Kind lächelt, als ob es versteht.
Weiß die Muscheln um sie herum. Weiß der Hund, der hinten am Horizont über die Dünen springt. Seine Bewegungen.
Weiß die Knochen, der Mond. (Das gleißende Geläut der Vergangenheit). Wie riecht das Weiß?, fragt das Kind, und wie hört es sich an?
Willst du das wirklich wissen?, fragt die Frau, Sand in den Haaren, den Ohren, auf ihrem Kleid. Und das Kind wiegt sich zum Rauschen der Wellen. Der Hund legt seine Schnauze auf die Pfoten und schläft ein.
Kann man es riechen?, fragt die Frau und dann sehen beide aufs Meer. Wie viele Mal ist die Sonne jetzt schon untergegangen und immer mit dem Versprechen sie geht nie wieder auf. Und das Weiß ist nichts als eine Erinnerung. Ohne Klang. Ohne Duft. Nur ein Wort.

Montag, 8. Juni 2009

Die kleine Frau lacht

Eine Verfügung durch mehrfach zwielichtige Gestalten
(der Käfer, der Vater, diese besondere Art der Haltbarkeit).
Und aus den oberen Etagen der Vorsatz
einer reufertigen Berührung, oberhalb des Halses,
durchdringend bis zum Schulteransatz.
Eine besondere Gattung von Menschen,
die sich in Antworten sonnen,
am trockenen Ende der Skala
und die kleine Frau, die so gerne im Zweifel badet,
lacht,
wenn der erste von ihnen
in seiner Gewissheit ertrinkt.

Montag, 20. April 2009

Gekrönte Tage

Da dämmert der Tag
(verschlossene Ohren)
die kleine Frau steht auf der Leiter
Gardinen aufhängen oder abnehmen
Sie hat sich noch nicht entschlossen
Ich will nicht wieder hereinfallen sagt sie sich
Auf einen dieser seltsam vernagelten Tage
(Inbrunst – das ist was sie denkt)
Das Benennbare hat sie noch immer von sich gewiesen
Zu Gunsten der gläsernen Durchsichtigkeit verstohlener Worte
(entseelte Begriffe)
Sie steht auf der Leiter
Und im Baum gegenüber sitzt die kleine goldene Krone
(dreizackig)
auf dem glitschigen Unkenkopf

Mittwoch, 25. März 2009

Die kleine Frau und das Nashorn

Mantel oder Jacke fragt sie mit der Bestimmtheit,
mit der mancher aus dem Fenster sieht
auf der Suche nach einem fensterlosen Tag,
nach dem lachenden Mann mit der einsichtslosen Nase,
aber sie läuft nur dem Unheil nach,
das sich prompt einstellt,
sobald man unvorsichtig genug ist, ein Wort mit „u“ zu denken,
hinter die Stirn zu lassen,
ein Wort wie „Unke“ oder „ursprünglich“, „unterhalb“.
Mantel oder Jacke fragt sie noch mal,
aber er kann sich nicht entscheiden.
Ich muss erst wissen an welchem Ort ich sterben werde, sagt er.
Und sie sagt: ich verlasse dich, du bist so unerträglich arrogant,
du nimmst dich selbst so wichtig.
Ich gehe mit dem Nashorn.
Es ist ein sehr höfliches Nashorn musst du wissen.
Es gibt mir immer das Gefühl, es meint mich.

Samstag, 21. März 2009

Sie näht

Nadel und Faden
Stoff und Garn
Sie sitzt im Schneidersitz
Das hat sie schon immer gerne getan
Die Dämmerung zieht den Vorhang zum Abend auf
In den Häusern gegenüber zünden sie Kerzen an
Sie näht graue und blaue Stunden
In die Netze die sie knüpft
Die sie zwischen Tag und Traum spannt
Sie webt Geduld in die Zeitströme
Und putzt die pockennarbigen Zeitfenster
Bis die Zukunft auf ihren Lippen glänzt
Sie ist klein wie ein Fingerhut
Und knirscht wie Zucker unter den Sohlen
Wenn sie unter dem Mantel der Zukunft verschwindet

Dienstag, 17. März 2009

Die kleine Frau

Die kleine Frau aß keine Äpfel
Die kleine Frau sah dem Mann auf den Mund
Als würde sich das Paradies dort verbergen
Und nicht der wurmstichige Atem der Erkenntnis
Vielleicht wusste sie es nicht besser
Sie stellte ihr Leben darauf ein
Stellte es still und machte die Tage bewohnbar
Tapeziert mit fader Wiederholung
Hing der Himmel über ihr
Schickte die Wolken nach Westen
Und die Vögel in den Süden
Und ihr ab und zu einen Blick
Der sie das Echo seiner Stimme überhören ließ
Zu sagen hatten sie sich schon lange nichts mehr
Sie wohnte in seinem Schweigen
Aber wo wohnte er?

Aktuelle Beiträge

Schlafende Hunde - Lesung...
elke66 - 29. Nov, 20:40
So fängt es an
Särge, Wasser und ein Beginn die Sprünge...
elke66 - 26. Nov, 10:25
Ins Wort (Ilse Aichinger)
"Als ich zur See fuhr, bekam ich viele Ratschläge....
elke66 - 24. Nov, 09:06
Gleb
Ich bin Gleb Ich liebe das Leben Ich habe keine besondere...
elke66 - 20. Nov, 18:08
Anna Karenina
Nichts ist so schwer Wie einen leeren Kopf zu täuschen Der...
elke66 - 17. Nov, 20:45
Lots Frau II
So spät im Herbst Der den Winter einübt Kaum...
elke66 - 10. Nov, 09:32
Aschenputtel
Am neunten November wurde Aschenputtel geboren Farben...
elke66 - 9. Nov, 09:05
Fußnoten und Randbemerkungen
Das Gurgeln der Kaffeemaschine. Das Fehlen der Zuversicht....
elke66 - 4. Nov, 10:25
Worum es geht
Es geht um den Moment In dem jemand den Schirm schließt Weil...
elke66 - 27. Okt, 11:37
Lots Frau
Hast du es nicht gehört? Man kann auch in Rosen...
elke66 - 21. Okt, 12:54

Web Counter-Modul

Suche

 

Status

Online seit 463 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 5. Dez, 18:53

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this topic

twoday.net AGB

Alle Links in Popups öffnen

alle Links auf der aktuellen Seite in einem neuen Fenster öffnen